Magazin
GPT-5.6 sucht anders: Was mehr Fan-outs und Originalquellen für SEO bedeuten
Wer seine Sichtbarkeit in ChatGPT beobachtet, kann derzeit ungewöhnlich starke Schwankungen feststellen. Marken tauchen plötzlich häufiger oder seltener auf, andere Websites werden als Quellen verwendet und Produktseiten scheinen gegenüber klassischen Bestenlisten an Bedeutung zu gewinnen.
Eine aktuelle Analyse des GEO-Researchers David Konitzny liefert dafür eine mögliche Erklärung: In seinem Datensatz verhält sich GPT-5.6 bei der Websuche deutlich anders als vorherige ChatGPT-Versionen.
Das Modell scheint nicht nur mehr Quellen abzurufen. Es startet häufiger mehrere aufeinanderfolgende Suchvorgänge, formuliert gezieltere Suchanfragen und greift bei kommerziellen Fragen deutlich öfter direkt auf Websites von Herstellern, Marken und Händlern zurück.
Das klingt zunächst nach einer kleinen technischen Änderung im Hintergrund.
Für Unternehmen, Publisher und SEO-Verantwortliche könnte sie jedoch weitreichende Folgen haben.
Denn wenn ChatGPT verstärkt nach Originalinformationen sucht, gewinnen plötzlich Seiten an Bedeutung, die im klassischen Content-Marketing manchmal vernachlässigt wurden:
Produktseiten. Leistungsseiten. Feature-Seiten. Preisangaben. Technische Spezifikationen. Und generell Informationen aus erster Hand.
Dabei ist eine Einschränkung wichtig:
Die konkreten Zahlen stammen aus der Untersuchung von David Konitzny. OpenAI hat diese Retrieval-Werte nicht bestätigt. OpenAI bestätigt allerdings grundsätzlich, dass ChatGPT Search Nutzerfragen in mehrere gezielte Suchanfragen umformulieren und nach ersten Ergebnissen weitere, spezifischere Suchanfragen starten kann.
Das Wichtigste zuerst
Aus der aktuellen Entwicklung lassen sich fünf zentrale Punkte ableiten:
- GPT-5.6 kann bei einer Recherche mehrere Suchschritte durchführen, statt sich auf eine einzige Suche zu verlassen.
- In Konitznys Datensatz verdoppelte sich die durchschnittliche Zahl der abgerufenen Quellen ungefähr von 12 auf 24.
- Produktseiten wurden deutlich häufiger abgerufen, während klassische Listicles relativ an Anteil verloren.
- Der Suchoperator
site:tauchte in den beobachteten Fan-out-Suchen wesentlich häufiger auf. - Für Unternehmen wird es damit wichtiger, relevante Informationen auf der eigenen Website vollständig, aktuell und maschinenlesbar bereitzustellen.
Der wichtigste Punkt lautet jedoch:
Mehr First-Party-Retrieval bedeutet nicht automatisch, dass externe Erwähnungen, klassische SEO oder Markenautorität unwichtig werden.
ChatGPT muss eine Marke schließlich zunächst kennen oder als möglichen Kandidaten entdecken, bevor es gezielt auf ihrer Website nach Preisen, Eigenschaften oder technischen Details suchen kann.
Was ist überhaupt ein Query Fan-out?
Der Begriff klingt technischer, als das Prinzip ist.
Stellen wir uns vor, jemand fragt ChatGPT:
„Welcher Laptop eignet sich 2026 am besten für einen selbstständigen Fotografen?“
Eine klassische Suchmaschine würde daraus zunächst eine Suchanfrage erzeugen.
Ein KI-System kann die Aufgabe dagegen in mehrere Teilfragen zerlegen.
Zum Beispiel:
- beste Laptops für Fotografen 2026
- Laptop Display Farbraum Fotobearbeitung
- MacBook Pro technische Daten
- Dell XPS Display Spezifikationen
- Lenovo Creator Laptop RAM GPU
- aktuelle Preise bestimmter Modelle
- offizielle Herstellerinformationen
Genau diese Aufteilung einer ursprünglichen Frage in mehrere Suchanfragen wird häufig als Query Fan-out bezeichnet.
OpenAI beschreibt für ChatGPT Search öffentlich ein sehr ähnliches Grundprinzip: Die ursprüngliche Nutzerfrage kann in eine oder mehrere gezielte Suchanfragen umgeschrieben werden. Nach der Betrachtung erster Ergebnisse können weitere, spezifischere Anfragen folgen.
Das bedeutet:
ChatGPT sucht nicht zwangsläufig einmal und schreibt danach seine Antwort.
Das System kann suchen, Ergebnisse betrachten, die Fragestellung verfeinern und erneut suchen.
Was David Konitzny bei GPT-5.6 beobachtet hat
Konitzny vergleicht in seiner Analyse das Retrieval-Verhalten von ChatGPT 5.5 mit GPT-5.6.
Dabei zeigen seine Messdaten eine auffällige Verschiebung.
Bei ChatGPT 5.5 benötigten nach seiner Auswertung ungefähr 94 Prozent der untersuchten Prompts nur eine einzige Fan-out-Iteration.
Bei GPT-5.6 waren es nur noch 43,5 Prozent.
Gleichzeitig stieg der Anteil der Prompts mit einer zweiten Retrieval-Runde von ungefähr fünf Prozent auf rund 33,5 Prozent.
Drei Retrieval-Iterationen waren zuvor mit etwa 0,1 Prozent praktisch bedeutungslos. In seinem GPT-5.6-Datensatz kamen sie bei 7,4 Prozent der untersuchten Fälle vor.
Selbst sechs bis zehn oder noch mehr Retrieval-Runden lassen sich nun in einem kleineren Teil der Messungen beobachten.
Das ist keine kleine Veränderung.
Es bedeutet vereinfacht:
ChatGPT gibt sich bei vielen Fragen offenbar nicht mehr so schnell mit der ersten Suchrunde zufrieden.
GPT-5.6 ruft in dieser Untersuchung etwa doppelt so viele Quellen ab
Noch deutlicher wird die Veränderung bei der Anzahl der abgerufenen Quellen.
Konitznys Messung kommt auf:
| Beobachtung | ChatGPT 5.5 | GPT-5.6 |
|---|---|---|
| durchschnittlich abgerufene Quellen | ca. 12 | ca. 24 |
| nur eine Fan-out-Iteration | 94,0 % | 43,5 % |
| zwei Iterationen | ca. 5 % | ca. 33,5 % |
| drei Iterationen | 0,1 % | 7,4 % |
Diese Zahlen dürfen nicht als offizielle technische Spezifikation von GPT-5.6 verstanden werden. Sie beschreiben den von Konitzny untersuchten Datensatz.
Die Richtung passt allerdings zu dem, was OpenAI selbst über die neuere Modellgeneration sagt.
OpenAI beschreibt GPT-5.6 Sol als stärker bei agentischem Browsing und berichtet für das Modell neue Spitzenwerte im eigenen BrowseComp-Vergleich. GPT-5.6 kann außerdem Werkzeugaufrufe koordinieren, Zwischenergebnisse verarbeiten und den weiteren Ablauf anhand dieser Ergebnisse anpassen.
OpenAI behauptet damit nicht, dass ChatGPT bei jeder normalen Suche exakt doppelt so viele Webseiten aufruft.
Aber die größere Fähigkeit zu mehrstufiger Recherche ist durchaus Bestandteil der Modellgeneration.
Warum plötzlich Produktseiten wichtiger werden
Besonders interessant wird Konitznys Analyse bei kommerziellen Suchanfragen.
Bei ChatGPT 5.5 machten sogenannte Listicles in seinem Datensatz 15,47 Prozent der abgerufenen Seiten aus.
Damit sind Seiten gemeint wie:
- Die zehn besten CRM-Systeme
- Die sieben besten Laufschuhe
- Die fünf besten Laptops für Studenten
- Unsere zehn besten SEO-Tools
Bei GPT-5.6 fiel deren Anteil in der Untersuchung auf 8,19 Prozent.
Gleichzeitig lagen einzelne Produktseiten mit 16,39 Prozent an der Spitze der ausgewerteten Seitentypen.
Noch interessanter:
Die absolute Zahl der täglichen Abrufe von Produktseiten stieg laut Konitzny um 119 Prozent.
Listicles wurden dagegen absolut rund 9,8 Prozent weniger häufig abgerufen.
Das bedeutet nicht, dass Ratgeber, Vergleiche und Bestenlisten verschwinden.
Konitzny weist selbst darauf hin, dass How-to-Seiten, Vergleiche und Homepages in absoluten Zahlen teilweise sogar häufiger abgerufen wurden. Ihr prozentualer Anteil sank vor allem deshalb, weil GPT-5.6 insgesamt wesentlich mehr Retrieval-Vorgänge ausführte.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Ein sinkender Anteil bedeutet nicht automatisch weniger Abrufe.
ChatGPT sucht häufiger direkt auf bestimmten Websites
Einer der interessantesten Befunde betrifft den bekannten Google-Suchoperator:
site:
Damit kann eine Suchmaschine auf eine bestimmte Domain beschränkt werden.
Beispiel:
site:dell.com XPS 13 specifications
Konitznys Messungen zufolge tauchte site: früher nur bei rund 0,3 Prozent der beobachteten Fan-out-Anfragen auf.
Bei GPT-5.6 waren es rund 23 Prozent.
Dadurch verändert sich die Art der Recherche.
Statt allgemein zu suchen:
„Welche Funktionen besitzt Produkt X?“
kann ChatGPT gezielt versuchen:
„site:hersteller.de Produkt X Funktionen“
Damit landet das System wesentlich schneller bei der ursprünglichen Quelle.
Auch das Wort „Official“ tauchte in Konitznys Fan-outs häufiger auf: Der gemessene Anteil stieg von rund fünf auf neun Prozent. Jahresangaben wurden ebenfalls häufiger Bestandteil der Suchanfragen.
Das deutet auf eine Suche hin, die stärker versucht, Antworten zu konkretisieren:
Welche Information? Von wem? Aus welchem Jahr? Von welcher offiziellen Quelle?
Bedeutet das: ChatGPT vertraut jetzt Herstellerseiten mehr?
So einfach ist es nicht.
Die Daten zeigen zunächst nur, welche Seiten im untersuchten Retrieval häufiger abgerufen wurden.
Sie zeigen nicht automatisch, dass ChatGPT jede Aussage eines Herstellers für glaubwürdiger hält.
Bei einer Frage nach:
- Preis,
- technischen Daten,
- Funktionsumfang,
- Verfügbarkeit,
- Produktvarianten,
- Kompatibilität
ist die Website des Herstellers häufig die logischste Primärquelle.
Bei einer Frage wie:
„Ist dieses Produkt tatsächlich gut?“
können unabhängige Tests, Erfahrungen, Fachmedien und andere Quellen weiterhin wesentlich wichtiger sein.
Genau hier wird die Unterscheidung zwischen Faktenquelle und Bewertungsquelle wichtig.
Der Hersteller weiß normalerweise am besten, welche Anschlüsse sein Notebook besitzt.
Ob das Notebook nach drei Stunden Videobearbeitung zu heiß wird, beantwortet möglicherweise ein unabhängiger Test besser.
Eine zweite Untersuchung zeigt eine ähnliche Richtung
Interessant ist, dass Konitznys Beobachtung nicht vollkommen alleinsteht.
DecaGEO untersuchte in einer eigenen Messreihe kommerzielle B2B-Software-Prompts und verglich GPT-5.4 mit GPT-5.6 Terra.
In diesem Datensatz stieg der Anteil von Suchanfragen mit dem site:-Operator von ungefähr 38 Prozent bei GPT-5.4 auf rund 90 Prozent bei GPT-5.6 Terra.
Die Studie beschreibt gleichzeitig eine wichtige Einschränkung: Ein großer Teil dieser gezielten Suchen richtete sich an Anbieter, die das Modell bereits als Kandidaten kannte.
Das führt zu einer entscheidenden SEO-Erkenntnis:
Eine perfekte Produktseite hilft wenig, wenn die Marke überhaupt nicht in die Kandidatenmenge gelangt.
First-Party-Content und Markenbekanntheit sind deshalb keine Gegensätze.
Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben.
Phase 1: Welche Marken kommen überhaupt infrage?
Bevor ChatGPT bei einem Hersteller nach konkreten Informationen sucht, muss das System überhaupt wissen, dass dieser Hersteller relevant sein könnte.
Dabei können weiterhin eine Rolle spielen:
- klassische Suchergebnisse,
- Fachmedien,
- Vergleichsportale,
- Branchenwebsites,
- Erwähnungen,
- Bewertungen,
- Community-Diskussionen,
- Links,
- strukturierte Unternehmensinformationen,
- bereits im Modell vorhandenes Wissen.
Das ist die Discovery-Ebene.
Phase 2: Was sagt die Marke selbst über ihr Angebot?
Ist ein Anbieter als Kandidat bekannt, kann eine gezielte Recherche folgen.
Dann werden plötzlich andere Seiten besonders wichtig:
- Produktseiten
- Leistungsseiten
- Feature-Seiten
- Preisseiten
- FAQ
- Dokumentationen
- technische Spezifikationen
- Verfügbarkeitsinformationen
Das ist die Verification- oder Retrieval-Ebene.
Genau hier sprechen die aktuellen Beobachtungen dafür, dass First-Party-Content an Bedeutung gewinnt.
Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Für viele Unternehmen war die eigene Produktseite bisher erstaunlich zweitrangig.
Viel SEO-Arbeit floss in Ratgeber wie:
„Was ist CRM?“
„Welches CRM eignet sich für KMU?“
„Die zehn wichtigsten CRM-Funktionen“
Die eigentliche Produktseite bestand dagegen teilweise aus wenigen Marketing-Sätzen:
„Die innovative Lösung für moderne Unternehmen.“
Für eine KI-Recherche ist das ausgesprochen wenig hilfreich.
Wenn ein System konkrete Informationen sucht, benötigt es konkrete Antworten.
Zum Beispiel:
- Was kostet das Produkt?
- Welche Tarife existieren?
- Welche Funktionen gehören zu welchem Tarif?
- Gibt es eine API?
- Gibt es eine kostenlose Version?
- Welche Dateiformate werden unterstützt?
- Wo werden Daten gespeichert?
- Welche Integrationen gibt es?
- Für welche Unternehmensgrößen ist das Produkt gedacht?
- Welche Einschränkungen bestehen?
- Wann wurden diese Informationen zuletzt aktualisiert?
Ein Satz wie „Die Zukunft Ihrer digitalen Zusammenarbeit“ beantwortet keine einzige dieser Fragen.
Das ist keine Einladung zu noch mehr SEO-Text
Gerade hier kann man die falsche Konsequenz ziehen.
Die Lösung lautet nicht:
Produktseiten jetzt mit 5.000 Wörtern SEO-Text aufblasen.
Im Gegenteil.
Wenn ChatGPT gezielt eine konkrete Information sucht, muss diese Information schnell auffindbar und eindeutig formuliert sein.
Eine gute Seite benötigt deshalb eher:
- klare Überschriften,
- konkrete Aussagen,
- nachvollziehbare Tabellen,
- eindeutige Preise,
- verständliche Produktmerkmale,
- technische Spezifikationen,
- Aktualitätsangaben,
- saubere interne Verlinkung,
- zugängliches HTML.
Für Menschen ist das angenehmer.
Für Suchmaschinen ist es leichter zu verstehen.
Und für Retrieval-Systeme ebenfalls.
Warum Aktualität noch wichtiger werden könnte
Konitzny beobachtete außerdem, dass Jahreszahlen häufiger Bestandteil der von ihm gemessenen Fan-out-Suchen wurden.
Ihr Anteil stieg in seinem Datensatz von zuvor ungefähr 10 bis 15 Prozent auf 28,6 Prozent.
Auch das passt zu einer alltäglichen Erfahrung:
Bei Preisen, Softwareversionen, Produktverfügbarkeit oder gesetzlichen Regelungen reicht eine fachlich richtige Seite nicht aus.
Sie muss aktuell sein.
Eine Preisseite von 2024 kann 2026 völlig korrekt indexiert sein – und trotzdem die falsche Antwort liefern.
Für Unternehmen bedeutet das:
Aktualität ist nicht nur ein redaktionelles Qualitätsmerkmal.
Sie wird Teil der maschinenlesbaren Verlässlichkeit einer Website.
Was OpenAI selbst über Quellen sagt
OpenAI äußert sich nicht zu Konitznys konkreten Prozentwerten.
Das Unternehmen beschreibt GPT-5.6 Sol jedoch ausdrücklich als zuverlässiger bei Aufgaben, bei denen Antworten von Daten, Zahlen, Regeln, Quellen oder Annahmen abhängen.
OpenAI begründet das unter anderem damit, dass das Modell die gefundenen Quellen besser für die Beantwortung einer Frage nutzt.
ChatGPT Search selbst arbeitet laut offizieller Dokumentation ebenfalls mit mehreren Suchschritten.
OpenAI beschreibt, dass eine Nutzerfrage zunächst in eine oder mehrere gezielte Suchanfragen umgeschrieben werden kann. Nachdem erste Ergebnisse betrachtet wurden, können weitere und spezifischere Anfragen an Suchanbieter gesendet werden.
Damit ist das Grundprinzip eines iterativen Retrievals offiziell bestätigt.
Nicht bestätigt sind dagegen die von externen Forschern gemessenen Häufigkeiten und Verteilungen.
Diese Trennung ist wichtig.
Ist GPT-5.6 wirklich „das neue Standardmodell von ChatGPT“?
Hier lohnt sich eine Korrektur der häufig verwendeten Überschrift.
OpenAI rollt GPT-5.6 unterschiedlich nach Tarif und Oberfläche aus.
Aktuell dokumentiert OpenAI GPT-5.6 Luna als Standardmodell für Free und Go.
GPT-5.6 Sol steht in berechtigten kostenpflichtigen Tarifen für stärkere Reasoning-Stufen zur Verfügung. Das OpenAI Help Center weist ausdrücklich darauf hin, dass Modellverfügbarkeit und Standardauswahl vom Tarif abhängen können.
Deshalb ist die pauschale Aussage:
„GPT-5.6 ist jetzt das Standardmodell von ChatGPT“
zu ungenau.
Richtiger ist:
GPT-5.6 wird in ChatGPT breiter ausgerollt und bildet abhängig vom Tarif unterschiedliche Teile des ChatGPT-Erlebnisses.
Für eine Analyse des Retrieval-Verhaltens ist diese Differenzierung besonders wichtig, weil sich Sol, Terra und Luna sowie verschiedene ChatGPT-Oberflächen nicht automatisch identisch verhalten müssen.
Was bedeutet das für AI Visibility?
Der vielleicht wichtigste Effekt betrifft die Messung.
Wenn ein Modell plötzlich:
- mehr Suchanfragen erzeugt,
- mehr Quellen abruft,
- häufiger bestimmte Domains gezielt durchsucht,
- andere Seitentypen bevorzugt,
kann sich ein AI-Visibility-Dashboard stark verändern, obwohl an der Website selbst überhaupt nichts geändert wurde.
Konitzny beschreibt genau dieses Problem.
Ein Rückgang der gemessenen Sichtbarkeit muss daher nicht automatisch bedeuten:
„Unsere SEO ist schlechter geworden.“
Es könnte auch bedeuten:
„Das Retrieval-System hat sich verändert.“
Für seriöse AI-Visibility-Messungen sollte deshalb künftig möglichst dokumentiert werden:
- welches Modell verwendet wurde,
- wann gemessen wurde,
- welche Prompts verwendet wurden,
- welches Land beziehungsweise welche Region verwendet wurde,
- ob Web Search aktiv war,
- wie viele Wiederholungsmessungen durchgeführt wurden.
Ein einzelner Sichtbarkeitswert ohne Modell- und Messkontext kann schnell irreführend werden.
Was Websitebetreiber jetzt konkret prüfen sollten
Aus den aktuellen Beobachtungen ergeben sich einige sinnvolle Maßnahmen.
1. Die eigenen Kernseiten müssen echte Antworten enthalten
Produkt-, Leistungs-, Preis- und Feature-Seiten sollten nicht nur Marketingaussagen enthalten.
Sie müssen die Fragen beantworten, nach denen potenzielle Kunden und KI-Systeme tatsächlich suchen.
2. Preise und Produktinformationen aktuell halten
Veraltete Informationen sind gerade bei gezielten Retrieval-Anfragen problematisch.
Wenn ChatGPT direkt die Herstellerseite aufruft, sollte dort auch die richtige Information stehen.
3. Wichtige Fakten nicht nur in PDFs oder Bildern verstecken
Zentrale Informationen sollten im normalen HTML der Seite verfügbar sein.
Das verbessert Zugänglichkeit, klassische Suchmaschinenoptimierung und maschinelle Verarbeitung.
4. OAI-SearchBot nicht versehentlich blockieren
OpenAI dokumentiert einen eigenen OAI-SearchBot für ChatGPT Search.
Websites, die diesen Bot blockieren, können laut OpenAI nicht als reguläre Quelle in ChatGPT-Suchergebnissen erscheinen, auch wenn bestimmte Navigationslinks weiterhin möglich sein können. OpenAI empfiehlt Websitebetreibern, OAI-SearchBot sowie die veröffentlichten IP-Bereiche zuzulassen.
Wichtig:
OAI-SearchBot und GPTBot sind unterschiedliche Dinge.
Ein Websitebetreiber kann ChatGPT Search erlauben und gleichzeitig GPTBot für potenzielles Modelltraining blockieren. OpenAI dokumentiert diese Einstellungen ausdrücklich getrennt.
5. WAF und CDN überprüfen
Eine korrekte robots.txt hilft wenig, wenn Cloudflare, ein Bot-Schutz oder eine Firewall den Crawler anschließend trotzdem blockiert.
Die technische Erreichbarkeit einer Seite gehört damit zur AI-Search-Optimierung genauso wie zur klassischen SEO.
6. First-Party-Content ausbauen – aber nicht isoliert
Die aktuelle Entwicklung spricht dafür, offizielle Produktinformationen erheblich ernster zu nehmen.
Das bedeutet aber nicht, dass Erwähnungen auf anderen Websites bedeutungslos werden.
Eine Marke muss häufig zunächst als relevanter Kandidat wahrgenommen werden, bevor das System gezielt ihre Website durchsucht.
Offsite-Signale helfen bei Discovery.
First-Party-Seiten helfen bei Verification.
Beides gehört zusammen.
Brauchen wir jetzt eine neue Disziplin namens GEO?
Nicht unbedingt.
Viele der empfohlenen Maßnahmen klingen erstaunlich vertraut:
- technisch erreichbare Websites,
- klare Seitenarchitektur,
- hochwertige Inhalte,
- eindeutige Entitäten,
- aktuelle Informationen,
- Primärquellen,
- interne Verlinkung,
- verständliche Produktseiten,
- externe Erwähnungen und Autorität.
Das sind keine vollkommen neuen Ideen.
Neu ist vor allem, wer diese Informationen konsumiert.
Früher optimierten Websitebetreiber hauptsächlich dafür, dass Google eine Seite findet, versteht und rankt.
Heute kommt eine weitere Ebene hinzu:
KI-Systeme finden Informationen, kombinieren mehrere Quellen und formulieren daraus direkt eine Antwort.
Damit verändert sich das Ziel.
Nicht nur:
„Wie komme ich auf Position 1?“
Sondern auch:
„Ist meine Website eine Quelle, die ein KI-System bei der Beantwortung dieser Frage verwenden kann?“
Bedeutet mehr Retrieval automatisch mehr Chancen für kleine Websites?
Theoretisch entstehen durch mehr abgerufene Quellen mehr Möglichkeiten, in einem Rechercheprozess aufzutauchen.
Praktisch folgt daraus aber noch keine Garantie.
Mehr Retrieval kann genauso bedeuten, dass ChatGPT bekannte Marken intensiver überprüft und dafür mehrere ihrer Seiten durchsucht.
Die unabhängige DecaGEO-Auswertung deutet beispielsweise darauf hin, dass viele site:-Suchen auf Marken zielten, die bereits als Kandidaten im Rechercheprozess vorhanden waren.
Für kleinere Anbieter bedeutet das:
Eine technisch perfekte Website bleibt wichtig.
Aber Entdeckung und Bekanntheit außerhalb der eigenen Domain bleiben ebenfalls relevant.
Was bedeutet das für klassische Vergleichsseiten und Publisher?
Die Entwicklung ist nicht automatisch eine schlechte Nachricht für Publisher.
Konitznys Daten zeigen zwar einen sinkenden relativen Anteil klassischer Listicles.
Andere redaktionelle Seitentypen wurden in absoluten Zahlen jedoch teilweise häufiger abgerufen.
Außerdem können unabhängige Quellen Fragen beantworten, die ein Hersteller naturgemäß nicht neutral beantworten kann.
Zum Beispiel:
- Welches Produkt ist besser?
- Welche Nachteile gibt es?
- Welche Alternative ist günstiger?
- Wie schlägt sich das Produkt im Praxistest?
- Welche Probleme berichten Anwender?
- Wie unterscheiden sich mehrere Anbieter?
Die Rolle von Publishern verschwindet deshalb nicht.
Sie verändert sich möglicherweise.
Weniger Wert könnten austauschbare Listen besitzen, die lediglich Herstellerinformationen neu formulieren.
Mehr Wert haben Inhalte, die tatsächlich etwas hinzufügen:
- Vergleich
- Einordnung
- Erfahrung
- Daten
- Tests
- eigene Recherche
- nachvollziehbare Methodik
Das wäre nicht nur gut für AI Search.
Es wäre auch gutes Publishing.
BOMOTS-Einordnung: First-Party wird wichtiger – aber SEO wird dadurch nicht ersetzt
Die aktuellen Daten sind bemerkenswert.
Wenn sich der beobachtete Trend stabilisiert, verändert GPT-5.6 die Anforderungen an Websites tatsächlich.
Nicht, weil plötzlich irgendwelche geheimen „GEO-Tricks“ notwendig werden.
Sondern weil KI-Systeme bei einer Antwort offenbar häufiger selbst nachhaken.
Sie suchen erneut.
Sie grenzen Domains ein.
Sie prüfen aktuellere Informationen.
Und sie greifen häufiger direkt auf die Quelle zurück.
Das belohnt Websites, die klar sagen, was sie anbieten.
Eine Produktseite sollte nicht nur verkaufen.
Sie sollte beantwortbar sein.
Eine Preisseite sollte nicht nur attraktiv aussehen.
Sie sollte eindeutig sein.
Eine technische Dokumentation sollte nicht nur existieren.
Sie sollte auffindbar und zugänglich sein.
Gleichzeitig sollten wir die aktuellen Zahlen nicht zu einem neuen SEO-Gesetz erklären.
Konitznys Daten sind eine Beobachtung eines sich schnell verändernden Systems. Ein anderes Modell, ein anderes Land, eine andere Promptgruppe oder das nächste ChatGPT-Update kann die Verteilung erneut verändern.
Das ist vielleicht sogar die wichtigste Erkenntnis:
AI Visibility ist kein statisches Ranking.
Die Systeme recherchieren.
Und wenn sich ihre Recherche verändert, verändert sich auch die Sichtbarkeit von Websites.
Für Unternehmen ist die nachhaltigste Antwort darauf erstaunlich bodenständig:
Sei auffindbar. Sei eindeutig. Halte deine Informationen aktuell. Liefere Originalinformationen. Und sorge dafür, dass Menschen und Maschinen verstehen können, was du tatsächlich anbietest.
Quellen und weiterführende Dokumentation
- David Konitzny – LinkedIn: „ChatGPT’s New Default Model GPT-5.6: More Retrieval, More Fan-Outs, More First-Party Content“ – Ausgangsanalyse und Datengrundlage für die beschriebenen Veränderungen bei Fan-outs, Quellenanzahl und Seitentypen. Ausgangsanalyse · abgerufen am 11.08.2026
- David Konitzny – X: Begleitender Beitrag zur Analyse der Veränderungen des GPT-5.6-Retrievals. Begleitbeitrag · abgerufen am 11.08.2026
- OpenAI: GPT-5.6 in ChatGPT – Offizielle Dokumentation zu Modellen, Tarifverfügbarkeit und der aktuellen Rolle von GPT-5.6 Luna und GPT-5.6 Sol in ChatGPT. Primärquelle · abgerufen am 11.08.2026
- OpenAI: Improving GPT-5.6 Sol in ChatGPT – Offizielle Produktinformationen zu stärkerer Nutzung gefundener Quellen, höherer Zuverlässigkeit und dem aktuellen GPT-5.6-Rollout. Primärquelle · abgerufen am 11.08.2026
- OpenAI: ChatGPT Search – Offizielle Beschreibung, wie ChatGPT Nutzerfragen in eine oder mehrere gezielte Suchanfragen umschreiben und anschließend weitere spezifische Suchen durchführen kann. Primärquelle · abgerufen am 11.08.2026
- OpenAI: Overview of OpenAI Crawlers – Offizielle Dokumentation zu OAI-SearchBot, GPTBot und der technischen Erreichbarkeit von Websites für ChatGPT Search. Primärquelle · abgerufen am 11.08.2026
- OpenAI: GPT-5.6 – Offizielle Modellbeschreibung zu Browsing, Tool-Nutzung und den BrowseComp-Ergebnissen von GPT-5.6. Primärquelle · abgerufen am 11.08.2026
- DecaGEO: Unabhängige Messreihe zu Veränderungen der site:-Nutzung zwischen GPT-5.4 und GPT-5.6 Terra. Die Methodik und Stichprobe unterscheiden sich von Konitznys Analyse und dienen deshalb nur als zusätzliche Beobachtung, nicht als Bestätigung identischer Prozentwerte. Unabhängige Beobachtung · abgerufen am 11.08.2026
Häufige Fragen
Ist GPT-5.6 jetzt das Standardmodell für alle ChatGPT-Nutzer?
Nein. OpenAI dokumentiert derzeit tarifabhängige Unterschiede. GPT-5.6 Luna ist das Standardmodell für Free und Go. GPT-5.6 Sol steht bei berechtigten kostenpflichtigen Tarifen für stärkere Reasoning-Stufen beziehungsweise entsprechende ChatGPT-Funktionen zur Verfügung.
Was ist ein Query Fan-out?
Dabei wird eine ursprüngliche Nutzerfrage in mehrere gezieltere Suchanfragen zerlegt. ChatGPT Search kann nach Angaben von OpenAI außerdem nach ersten Suchergebnissen zusätzliche und spezifischere Anfragen durchführen.
Ruft GPT-5.6 wirklich doppelt so viele Quellen ab?
David Konitzny beobachtete in seinem Datensatz einen Anstieg von durchschnittlich ungefähr zwölf auf 24 abgerufene Quellen. OpenAI hat diese konkrete Zahl nicht als allgemeine Eigenschaft von GPT-5.6 bestätigt.
Werden Produktseiten für ChatGPT wichtiger?
Konitznys Messdaten zeigen einen deutlichen Anstieg beim Retrieval einzelner Produktseiten. Das spricht dafür, vollständige und aktuelle First-Party-Informationen stärker zu priorisieren. Daraus folgt jedoch nicht, dass unabhängige Quellen oder Offsite-Signale unwichtig werden.
Sind klassische Listicles jetzt nutzlos?
Nein. Ihr relativer Anteil ging in Konitznys Untersuchung zurück, andere redaktionelle Seitentypen wurden teilweise absolut häufiger abgerufen. Unabhängige Vergleiche und eigene Recherchen erfüllen außerdem eine andere Funktion als Herstellerseiten.
Muss OAI-SearchBot zugelassen werden?
Wer möchte, dass eigene Inhalte regulär in ChatGPT Search als Quelle erscheinen können, sollte OAI-SearchBot laut OpenAI nicht blockieren und auch die veröffentlichten IP-Bereiche technisch zulassen.
Muss ich dafür auch GPTBot erlauben?
Nein. OpenAI trennt OAI-SearchBot für die Suche und GPTBot für potenzielles Modelltraining. Websitebetreiber können die beiden Crawler unterschiedlich behandeln.
Bedeutet mehr First-Party-Retrieval, dass Backlinks und Erwähnungen unwichtig werden?
Nein. First-Party-Seiten können besonders wichtig sein, sobald ein Anbieter bereits als möglicher Kandidat bekannt ist. Für die ursprüngliche Entdeckung und Einordnung einer Marke können externe Erwähnungen und andere Signale weiterhin eine wichtige Rolle spielen.